Einführung

Die letzte Schlacht Herzog Karls des Kühnen von Burgund, dem „letzten wahren Herzog des Okzidents“, findet am 5. Januar 1477 statt, und er kommt dabei um.
Zwei Tage nach dem verheerenden Treffen bei Nancy führt ein Page den siegreichen Herzog René II. von Lothringen an den Ort, wo der Kadaver des gefallenen Herzogs verfault. Karl ist unerkannt („sans le congnoiste“) erschlagen („par-dessus l´oreille jusqu´aux dents“ – „von über dem Ohr bis hinunter zu den Zähnen“) und, wie üblich, von den Totenräubern, die über die Schlachtfelder zogen, entkleidet worden. Durch Wolfsfraß ist er grausam entstellt. Hätte nur einer von den Kriegsleuten gewußt, wer er war, er hätte ihm das Leben geschenkt, denn keiner hätte sich das gewaltige Lösegeld entgehen lassen. Es sieht ganz so aus, als habe der Herzog nach verlorener Schlacht den Tod gesucht. So endet in seinem 44. Jahr das kurze Leben eines Fürsten, der so viel Aufsehen erregt hat wie kein anderer Herrscher seiner Zeit.
Seinem Andenken ist dieses 12-teilige Portfolio von Heliogravüren gewidmet.*

Die herrscherliche, sinnlich einprägsame Selbstdarstellung der burgundischen Herzöge, ihre ars vivendi, ihre Lebenskunst, verleihen dem Hause Burgund außerordentlichen Glanz und Ruhm. Karl dem Kühnen gilt Magnifizenz – die Tugend der Großartigkeit und Prachtentfaltung – als erste Herrschertugend. Er zieht alle medialen und künstlerischen Register um seinen Idealen und politischen Ambitionen Ausdruck zu verleihen. Seine festlichen „Gesamtkunstwerke“ umfassen sowohl Wandteppiche, Prunkbuffets, Goldschmiedearbeiten, luxuriöse Roben und Rüstungen als auch performative Kunstformen und ephemere – vergängliche –  Kunstwerke von bis dahin unbekannter Eleganz.

Zu den prominenten französisch-burgundischen Festformen zählen die entremets, die während der Bankette d´un mets à un autre mets –  also zwischen den Gängen – den Gästen dargeboten werden. Diese Tafelspiele präsentieren heraldische, emblematische und allegorische Tiere sowie mythische, wundersame und fremdartige Wesen, die – oft durch ausgeklügelte Automatik perfektioniert – zu fiktivem Leben erweckt werden. Anlaßbezogene und allegorische Motive sowie panegyrische – schmeichelnde – Anspielungen unterstreichen den repräsentativ-symbolischen Charakter der Szenen. Antike Götter und andere mythologische Wesen werden den zeitgenössischen Vorstellungen angepaßt, in neue inhaltliche Zusammenhänge übertragen und umgedeutet. Neue transzendente Ideale werden erfunden, Karls Machtanspruch Legitimität und Aussagekraft zu verleihen. Nichts bleibt dem Zufall überlassen – des Herzogs Selbstinszenierung übertrifft alles bisher Gesehene.

 

Aber auch die Vergänglichkeit des Menschen, seine Schwäche und seine Angst vor dem Tod werden evoziert, ein im Mittelalter durchaus übliches, ja beliebtes Thema. Bei diesen Tafelspielen handelt es sich durchwegs um ephemere Kunstwerke, die von Personen vor – bzw. aufgeführt und danach immer zerstört werden.

Diese entremets, als Mimodramen von einander oft unabhängig inszenierten Akte, werden an mehreren Tagen in Folge weitgehend auf einer gesonderten Bühne gezeigt. Auf eine lebensnahe Darstellung („que ce sembloit chose vive, sans mistaire“ – „daß es so aussehe wie lebendig, ohne Wunderwerk“) wird großer Wert gelegt; ab und zu steigern akustische Effekte oder kurze, pointierte Ausrufe die Dramatik der Darstellung, im Falle des „arse moriendi“-Portfolios ironisch-makaberer Art: „Je te salue, ô Mort...“ („Ich grüsse dich, o Tod...“), „N´est que toute ordure...“ (Ist alles doch nur Unrat...“) etc.
Diese Serie von Kupferdrucken stellt also imaginäre entremets dar, wie sie am Hofe Karls des Kühnen hätten aufgeführt werden können.

Hier nun begegnen wir der ars moriendi, der Kunst des Sterbens, der persönlichen Auseinandersetzung zwischen Mensch und Tod, der Vertrautmachung des Menschen mit dem ihm bevorstehenden Abschied, der Vorahnung, der Vorbereitung des Todes, im Gegensatz zu dem, den Menschen völlig überraschenden, plötzlichen Tod. Die ars moriendi ist sicherlich ein Endprodukt mittelalterlicher Thanatologie, der Wissenschaft von Tod und Sterben. Sie suggeriert dem spätmittelalterlichen Menschen die Möglichkeit eines „gezähmten Todes“ (Philippe Ariès); Empfängnis, Geburt, Alter, Krankheit und letztendlich Tod, sie vermischen sich in Bildern, die eher ergreifen und anziehen, als daß sie abschrecken. Erbauung, „wie man sich schicken sol, zu einem kostlichen seligen Tod“ (Johan Geiler von Kaysersberg), findet Ausdruck in diesen, als memento mori konzipierten entremets.

„Die Wahrheit ist ganz einfach die, daß der Mensch nie wieder eine solche Liebe zum Leben an den Tag gelegt hat wie gegen Ende des Mittelalters“, meint Philippe Ariès in seiner Geschichte der Einstellung des Menschen zum Tod und zum Sterben. Aus seinem Buch „L´Homme devant la Mort“ / „Geschichte des Todes“ stammen die meisten der Zitate, Stoßseufzer, Lamentationen und Bonmots, die ich in dieser Serie von Heliogravüren verwendet habe. Die Bildlichmachung der  Kunst, das Sterben, den Tod zum Fest zu erheben, zu amüsanten, ironischen, erstaunlichen, die Imagination beflügelnden entremets-Bühnenbildern zu gestalten, das ist mein Anliegen.

 

Texte von Werner Paravicini, Birgit Franke, Philippe Ariès und Peter Th. Mayer. Berlin, September 2009

* Die Heliogravüre (von helios:(gr.): die Sonne) ist ein – heute nur noch im künstlerischen Bereich verwendetes - Verfahren zur Herstellung von Tiefdruckplatten. Sie gilt als das edelste photochemische Verfahren auch in künstlerischer Hinsicht. Die Heliogravüre ist ein fotomechanisch erzeugter Kupferdruck und ermöglicht wie die Silberbromid-Fotografie exakte Halbtonwiedergabe. Das Verfahren wurde zum maschinellen Rakeltiefdruck weiterentwickelt. Die Heliogravüre ist in der Wiedergabequalität der Fotografie ebenbürtig, wurde für die hochwertige Wiedergabe von Halbtonbildern verwendet und war eine Zwischenstufe auf dem Weg zum modernen technischen Tiefdruck, mit dem heute viele Modezeitschriften und Illustrierte hergestellt werden.

Mit der Heliogravüre lassen sich der Schabkunst (Mezzotinto) vergleichbare Wirkungen erzielen. Charakteristisch sind die Wärme des Farbtons und der eingedrückte Plattenrand. Der unvergleichliche Tonreichtum dieses Verfahrens begründet sich in dem völlig den Helligkeiten des Negatives angepassten Gelatinerelief, das die Metallplatte bedeckt. So dringt Säure in feinster zeitlicher Abstufung in das Metall und nuanciert die Tiefe der Ätzung. Mehrere Künstler haben die Heliogravüre für ihre Druckterchniken verwendet. Exemplarisch sei Dali erwähnt, der in seiner Serie zu den Desastres de la guerra die Radierungen Goyas photomechanisch als Heliogravüre kopierte und überarbeitete. Auch Georges Rouault ließ mit Hilfe der Heliogravüre seine Tuschezeichnungen auf die Platte übetragen und überarbeitete sie anschließend mit verschiedenen Werkzeugen.